Predigt zu 1. Kor. 2,1-10
Als bekannt wurde, dass Guttenberg seine Doktorarbeit aus dem Internet abgeschrieben hatte, war das ein Skandal, der ihm seinen Posten als Minister kostete.
Als 2009 bekannt wurde, dass Schiedsrichter gegen viel Geld Fußballspiele beeinflussten, war das auch ein Skandal.
Als 1558 Maria Stuart, Königin von Schottland, bei ihrer Hochzeit ein weißes Brautkleid trug, was das ebenfalls ein Skandal. Denn Weiß war damals die Farbe für Trauer und Tod. Wir kennen das noch als weiße Lilien in Sarggestecken.
In den 1550er Jahren war es ein Skandal in Weiß zu heiraten. In unseren 50/60er Jahren war es ein Skandal nicht in Weiß zu heiraten. Heute ist es wieder anders. Hartweiß ist fast nicht mehr zu finden. Viele heiraten eher in gedecktem Weiß, in Champagner- oder Creme-Weiß. Oder auch ganz farbig bunt.
Niemand regt sich mehr auf. Anscheinend hat, was ein Skandal zum Skandal macht, auch mit Geschmack zu tun.
Als am 7. April im Jahre 30 nach Christus der Mann Jesus von Nazareth am Kreuz hing und starb, war es ein Skandal. Hatte er doch behauptet Gott selbst zu sein.
Der Apostel Paulus schreibt:
„Wir aber verkünden (Euch) den gekreuzigten Christus als den von Gott versprochenen Retter. Für Juden ist das ein Skandal, eine Gotteslästerung, für die anderen barer Unsinn.“ (1. Kor 1,23)
Heute ist die Kreuzigung Allgemeinbildung. Aber ist es noch ein Skandal?
Schmecken wir den Skandal des Kreuzes noch? Oder sind wir zu satt für Gott?
Das Lexikon sagt: Ein Skandal bezeichnet ein Aufsehen erregendes Ärgernis und die damit zusammenhängenden Ereignisse. (Quelle: Wikipedia)
Ein Skandal ist ein Tabubruch. „Das geht doch nicht!“, so heißt es dann, wenn ein Skandal öffentlich wurde. „Das können die doch nicht machen. Dass ein Präsident ein Verhältnis mit seiner Praktikantin anfängt und dann auch noch direkt im Büro, quasi unter den Augen der Ehefrau!“
Erinnern Sie sich noch? Bill Clinton und Monica Lewinsky. Diese Affäre war 1998 ein Skandal, der US-Präsident Clinton fast das Amt gekostet hätte.
„Das geht doch nicht: einfach behaupten, ein Gott stirbt! Was denken sich diese Jünger von diesem Jesus eigentlich dabei und wie kann dieser Apostel Paulus das einfach so weiter tragen?! Ein echter Gott ist herrlich und majestätisch und vor allem unsterblich! Wenn er sterben kann, ist er auch kein Gott. Eine Phantasiefigur vielleicht, auch ein großer, besonderer Mann. Aber doch niemals ein Gott! Das ist ja ein Skandal. Das ist Gotteslästerung.“
So haben die jüdischen Menschen geantwortet, wenn Paulus den christlichen Glauben mit ihnen teilte. „Der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, kann nicht sterben!“
Und die anderen, die Griechen (wie es manchen Übersetzungen heißt), die philosophisch denkenden Menschen hielten es für Geschwätz, für baren Unsinn. „Jaja, Gott und sterben und wieder auferstehen. Alles klar.“, so sagen sie und gingen lachend davon, als Paulus es ihnen erklären will. So lesen wir in der Apostelgeschichte (17 – Areopagrede).
Der Skandal – ein aufsehenerregendes Ärgernis oder eine große Dummheit.
Was davon ist die ganze Sache um Bundespräsident Christian Wulff?
Der amerikanische Soziologie-Professor und Autor Tony Campolo sagte einmal in einer Predigt: “Drei Dinge möchte ich heute gerne sagen. Erstens: Während Sie heute Nacht geschlafen haben, sind 30.000 Kinder verhungert oder an den Folgen von Unterernährung gestorben. Zweitens: Die meisten von Ihnen interessiert das einen Scheißdreck. Und das Schlimmste ist drittens, dass Sie sich mehr daran stören, dass ich (hier von der Kanzel) ‘Scheißdreck’ gesagt habe, als daran, dass heute Nacht 30.000 Kinder gestorben sind.” (Zitat Ende)
Stimmt das? Machen wir Dinge zu Skandalen, die keine sind?
Und die, die echte Skandale sind, lassen uns kalt?
Bei Hit-Radio Antenne lief vor Weihnachten eine Spendeaktion für „arme Kinder“:
„Kinderarmut in Niedersachsen – kaum denkbar. Doch immer öfter erfahren wir von Kindern in Not, von Kindern deren Eltern selbst kaum über die Runden kommen, Kindern, die keine warme Mahlzeit bekommen und die nichts Warmes zum Anziehen haben.“
Das ist doch ein Skandal, dass es das gibt! Obdachlose Kinder in unserem Bundesland. In unserer Nähe. Warum titelt nicht täglich die BILD-Zeitung darüber?
Ja, Hunger ist ein Skandal. Ein Tabubruch. Immer noch. Auch wenn es in den Medien und unseren Köpfen längst kein großes Aufsehen mehr erregt.
Aber was sollen wir tun? Angesicht der enormen Größe des Unglücks? In unserem Land? Weltweit?
Paulus schreibt:
1 Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam und euch Gottes verborgenen Plan zur Rettung der Menschen verkündete, habe ich euch doch nicht mit tiefsinniger Weisheit und geschliffener Redekunst zu beeindrucken versucht.
2 Ich hatte mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu kennen als Jesus Christus, und zwar Jesus Christus, den Gekreuzigten.
3 Als schwacher Mensch trat ich vor euch und zitterte innerlich vor Angst.
4 Mein Wort und meine Botschaft wirkten nicht durch Tiefsinn und Überredungskunst, sondern weil Gottes Geist sich darin mächtig erwies.
5 Euer Glaube sollte sich nicht auf Menschenweisheit gründen, sondern auf die Kraft Gottes.
Gottes Kraft ist das Wort vom Kreuz. Ausgerechnet der Skandal ist Gottes Hilfe und Kraft für uns.
Oder anders ausgedrückt: Was wir von Weihnachten her kommend behaupten können ist: In der Krippe liegt nicht ein süßes Kind, sondern ein Ärgernis. Und das nicht, weil Maria noch Jugendliche und sie nicht nur nicht in Weiß, sondern gar nicht verheiratet war.
Es ist ein Skandal, ein Ärgernis, weil Gott mit diesem Kind eine neue Zeitrechnung beginnt.
Ja, nun gehen die Uhren tatsächlich anders. Jetzt gilt nicht mehr Schönheit und Reichtum und Erfolg. Jetzt sind plötzlich die Kleinen groß und die Armen und Geringen werden zu den führenden Leuten erklärt. Wer Außenseiter war, darf mitten in die Gesellschaft treten. Der Sünder wird zum Heiligen. Und die sich für heilig halten, werden sprichwörtlich zu Pharisäern, zu Sündern, erklärt.
„Jetzt hebt er seinen gewaltigen Arm und fegt die Stolzen weg samt ihren Plänen. Jetzt stürzt er die Mächtigen vom Thron und richtet die Unterdrückten auf. Den Hungernden gibt er reichlich zu essen und schickt die Reichen mit leeren Händen fort”, so ruft es Maria aus, nachdem sie erfuhr, mit Jesus schwanger zu sein (Lk 1,51-53).
Ich stell es mir so vor: die Reichen, die Schönen, die Erfolgreichen, die Gewinner, die, die auf ihre eigene Leistung stolz sind, werden gerufen haben: Das ist ja ein Skandal!
Für die anderen aber, die mit leeren Händen, leeren Bäuche und erwartungsvollen Augen war es Evangelium. Gute Botschaft. Gottes Kraft. Ein Segen.
Endlich tritt jemand für sie ein. Bedingungslos. Aus Liebe.
Gottes Kraft ist das Wort vom Kreuz. Ausgerechnet der Skandal ist Gottes Hilfe und Antrieb für uns. Motivation trotz riesiger Probleme, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken. Eben nicht wegschauen oder resignieren, sondern Dinge ändern, die Gesellschaft aktiv gestalten und prägen als von Gott geliebte Menschen.
2 Ich hatte mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu kennen als Jesus Christus, und zwar Jesus Christus, den Gekreuzigten.
Das Wort vom Kreuz. Es ist wohl so: nicht für jeden schmeckt es nach Skandal.
Und für manche bleibt es barer Unsinn.
Aber denen es zu Herzen geht, die werden berührt und verwandelt. Verändert. Erneuert.
Vielleicht gehören Sie ja auch dazu.
6 Wir verkünden tiefsinnige Weisheit – für alle, die dafür reif sind.
So schreibt der Apostel dann weiter.
Diese reifen Menschen sind Menschen, die nicht mehr auf sich selbst schauen. Sondern Gott und damit den Nächsten im Blick haben. Die freigiebig geben mögen, weil sie spüren und wissen, dass Gott sie versorgt. Die teilen mögen, weil sie wissen und spüren, dass Gott alles mit ihnen geteilt hat. Die glauben, also darauf vertrauen, dass Reichtum und Leben, Lachen und Glück, Glaube, Liebe und Hoffnung mehr werden, je mehr man es ausstreut und unter die Leute bringt und je weniger man klammert und für sich selbst sammelt und behält.
Es sind Menschen, die sich mit den wahren Skandalen unserer Welt nicht abfinden wollen und alles tun, um sie aus der Welt zu schaffen. Für immer.
Es sind Menschen, die danach leben, dass das Wort vom Kreuz einen Skandal bezeugt, den Tod des lebendigen Gottes, der den Kreislauf des Bösen in unserer Welt gerade durchbricht und nicht weiter beschleunigt. Jesus Christus, der gekreuzigte Gott, bietet dem Bösen, dem Unheil und Unglück, der Krankheit und allem Leide Paroli und besiegt es.
Gottes Skandal ist Gottes Kraft für uns, damit die wahren Skandale unserer Welt endlich aufhören.
Häufig genug stehen wir ohnmächtig am Bett eines Kranken und wissen weder ein noch aus. Häufig genug sitzen wir ohnmächtig vor den Fernsehern, sehen das Elend, den Hunger, den Tod und die Katastrophen jeglicher Art und schütteln die Köpfe und können es kaum fassen und wissen kaum wirksam zu helfen. Im Angesicht des großen menschlichen Leids in unserer Welt resignieren wir schnell. Wir ziehen den Kopf ein. Schauen nicht mehr hin und drehen und sorgen uns nur noch um uns selbst.
Margot Käßmann hat einmal gesagt: „Ich werde oft gefragt: ‚Wie denn? Gibt es Gott etwa nicht?’ ‚Ja (doch’, sage ich), ‚aber die Welt ist trotzdem angefüllt von all dem Bösen und immer wieder sind wir mit unserer Ohnmacht konfrontiert. Wir leben nicht in einer erlösten Welt, sondern in der Welt nach der Vertreibung aus dem Paradies. „Mit unserer Macht ist nichts getan.“ Nein, wir sind nicht mächtig. Wir können strampeln und streiten und unser Bestes geben, aber mit all unserer Leistung und unserer Macht werden wir dennoch nicht den Himmel auf Erden schaffen. So zeichnet Martin Luther bis heute ein realistisches Menschen- und Weltbild…. Luther stellt (im Lied „Ein feste Burg“) neben die Ohnmachtserfahrung entschieden die Glaubenserfahrung. Und diese Glaubenserfahrung ist nun gerade in dem erfahrbar, der … durch seine Schwäche, durch seine Aufopferung den Kreislauf der Gewalt und Gegengewalt durchbricht.“
„Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ,“ der Gekreuzigte. (Sehnsucht nach Leben, S. 149.).
Er ruft uns auf, trotz der Ohnmachtsgefühle aktiv zu werden, aufzustehen, wo nötig gegen Unrecht und Haß Widerstand zu leisten und Liebe zu üben gegenüber jedermann und jederfrau. Im Einsatz für Frieden und Freiheit. Für Mensch und Natur.
Koste es, was es wolle.
Möge das auch in unserem Alltag spürbar werden und mag doch die Welt von uns, die wir Jesus folgen, Gutes profitieren können.
Amen.
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